Kleine Geschichte aus dem Netz.

Geschmacklose Überraschung zu unserem Hochzeitstag

Im Kühlschrank lag der abgeschlagene Kopf einer Ziege: Ich musste lächeln. Sorgfältig auf einer Stoffserviette drapiert war der Kopf und aus dem Transistorradio dudelte "My Way" von Sinatra. Kai wollte mich also zu unserem Hochzeitstag schocken. So war er. Deswegen hatte ich ihn geheiratet. Deswegen trug ich jetzt Pumps und den weißen Blümchenbikini, den Kai so sexy fand. Ob mein lieber verrückter Mann im Ehebett nebenan schon auf mich wartete, geil und feixend?
“Du hast in den Kühlschrank geschaut?”, hörte ich ihn durch die angelehnte Schlafzimmertür. Seine Stimme überraschte mich, sie klang ungewöhnlich müde. Eigentlich sprach er aufgekratzt, wenn er einen seiner Scherze platziert hatte.
“Wie immer ziemlich geschmacklos, Kai!”, rief ich zurück.
Als ich durch den Türspalt ins Schlafzimmer blickte, sah ich Kai ausgestreckt auf dem Bett liegen; er winkte mich heran: “Ich habe die Scharniere quietschen gehört, als du die Kühlschranktür geöffnet hast.”
“Ich wollte mir eine Cola nehmen. Aber der ganze Kühlschrank ist leer geräumt.”
“Den Ziegenschädel solltest du gar nicht sehen.”
“Es ist keine da. Willst du ein Bier aus dem Keller?”
Er sah erschöpft von der Sommerhitze aus, schüttelte aber den Kopf. “Komm her, lass uns nicht warten.”
“Es ist Sonntag, Kai!”
“Ich fürchte, mir bleibt trotzdem nicht viel Zeit.” Mit seinen zartgliedrigen Fingern half er mir dabei, Höschen und Bikini-Oberteil abzustreifen. Die bläulichen Schatten unter seinen Augen verrieten, dass er zuviel gearbeitet hatte.
“Du musst kürzer treten. Es reicht, wenn du den Bronzeabguss bis zum Monatsende fertig hast.”
“Ich habe ihn gestern beendet”, sagte er zufrieden und küsste mich auf den Mund. Seine Lippen waren kalt. So kalt, dass ich Gänsehaut bekam. Seine empfindsamen Fingerspitzen fühlten es gleich: “Schatz, was ist los?”
“Du bist müde, Kai.”
“Wenn ich dich nur immer so halten würde. Deiner Liebe immer so sicher sein könnte wie in diesem Augenblick. Mareike.”
“Das kannst du Kai”, meinte ich glücklich.
“Würdest du mir verzeihen können?”
“Was verzeihen?”
“Egal was.”
“Ach, du Scheusal”, schimpfte ich verliebt, “du weißt, dass ich eifersüchtig bin auf jede Frau, die dir zehn Meter zu nahe kommt.”
“Genau darum liebe ich dich so sehr, Mareike.”
Seine Finger zeichneten die Linie meiner Brust nach, die Nippel standen. Wie konnte ein Bildhauer derart zarte Finger haben?
“Du bist das Beste, was mir im Leben passiert ist und nichts wird uns trennen”, flüsterte ich ihm ins Ohr.
“Ey, lass sein! Das kitzelt teuflisch!”, protestierte er und entzog sich – um mir mit dem Kissen zu drohen, als ich nicht abließ. Wir balgten, wobei er immer noch matt wirkte. Aber ich würde ihn fit machen.
Meine Hand tauchte tiefer hinab und bekam seinen Schwanz zu fassen. Kai hatte einen eher kurzen Schwanz, dafür war er dick – und ich konnte es kaum erwarten, ihn zu fühlen.
“Lass es uns tun.”
“Als wäre es das letzte Mal, Mareike, mmh ...”
“... so heftig ... o ... Kai, ich liebe dich so sehr.”
Bald gerieten wir in den richtigen Rhythmus, denn Kai war nicht so stürmisch wie sonst, er war voller tiefer Energie. Seine Kraft kam langsam aus der Hüfte, und ich überlegte, ob es daran lag, dass wir seit fünf Jahren zusammen waren und heute unser dritter Hochzeitstag war. Erfahrung und Liebe – eine Kombination, die uns glücklicher und glücklicher machte. In dem Moment wurde mir intensiver klar, als bei den Liebesschwüren vor dem Altar und dem Standesbeamten, dass ich mit diesem Mann wirklich mein Leben verbringen wollte.
“Ah ... Mareike ... mir kommt ...” Der Rest ging in ein geiles Gurgeln über und auch ich spürte, wie es mir kam, wie die Wellen sich ausbreiteten, die Lust mich fort trug.
Erschöpft lag Kai unter mir. Befriedigt beugte ich mich zu ihm herab, mein Busen berührte seine behaarte Brust. Aber seine Lippen waren immer noch kalt. “Du geliebter, verrückter Lebenskünstler.”
“Liebeskünstler, Mareike.”
“Natürlich, du großer Bildhauer. Nur ...”, neckte ich, “... berühmt wirst du erst, wenn du tot bist.” Aber er war bereits eingeschlafen. Was sonst nicht seine Art ist. Ich dachte wieder an den reichlich geschmacklosen Ziegenkopf in unserem Retro-Kühlschrank. Den Kühlschrank hatte Kai auf einem Flohmarkt entdeckt und gleich mitgenommen. Zu oft gab er unser weniges Geld für verrückte Sachen aus. Mir war ein Rätsel, wo sein Einkommen in letzter Zeit blieb, denn er verdiente seit einem Jahr nicht schlecht an der Kunst. Aber ich wollte mir den Hochzeitstag nicht kaputt machen mit solchen Gedanken. In jeder Ehe gab es Schwierigkeiten und schöne Stunden. Jetzt war die Zeit der schönen Stunden.
Kai schlief tief. Er atmete ziemlich flach. Stimmte etwas nicht?
“Kai?”
Keine Reaktion.
Ich tätschelte ihm die Backen. Er öffnete die Augen und schloss sie wieder.
“Kai!” Nun kam keine Reaktion mehr. Ich schüttelte ihn, zunächst vorsichtig, dann heftiger. “Kai!”
“Es ist gut, Mareike. Ich liebe dich.” Dann lief ihm Speichel aus dem Mund, und er hatte das Bewusstsein verloren.
Ernst schaute mich der Chefarzt an. Er war hoch gewachsen, hatte dichtes schwarzes Haar und ein markantes Kinn. "Wir wissen noch nicht genau, woran es liegt." - "Wird er überleben?", fragte ich. Der Arzt überlegte kurz, dann sagte er: "Wir haben ihn in ein künstliches Koma gelegt."
Als ich durch das Abitur gefallen war, hatte ich zum letzten Mal geweint. Jetzt schossen mir die Tränen in die Augen. “Er ist meine große Liebe. Woran leidet er?”
“Es wird alles gut werden.” Er nahm meine Hand und zeigte das professionell gütige Gesicht eines Arztes, der Angehörige beruhigt.
“Wo bringe ich jetzt die tote Ziege hin?”
“Bitte?”
“Es ist nur ein Kopf. Er lagert im Kühlschrank.”
Ihm kam sein gütiger Gesichtsausdruck abhanden. “Ist Ihnen nicht gut, möchten Sie ein Glas Wasser?”
“Kai war Stammkunde bei einer Abdeckerei. Ich habe mich nie darum gekümmert.” Seit fünf Jahren lebte ich mit Kai zusammen. Dennoch wusste ich zu wenig von ihm. Der Doktor reichte mir ein Glas Wasser. “Kai hat immer herrlich verdrehte Ideen, gibt Geld für verrückte Sachen aus. Ziegen, Schweine.”
“Sie haben eine Krankenversicherung?”
“Er ist Bildhauer. Wir haben uns auf der Documenta kennen gelernt, als er eine Herde Ziegen ausstellte.” Ich schmunzelte bei der Erinnerung. Wie ein Hirte hatte er, der studierte Kunsthistoriker, mit einer geliehenen, abgewetzten Joppe inmitten seines tierischen Happenings am Eingang zur Documenta gestanden. Er brachte mich zum Lachen und abends eroberten wir Kassel. Unsere erste gemeinsame Nacht ...
“Sie lieben ihn wirklich.”
“Woher wissen sie das?”
“Ich sehe es in ihren Augen.”
Ich lächelte ihn an.
“Ich werde mein Bestes geben. Er wird überleben, ich verspreche es Ihnen.”
“Liegt im Kofferraum”, sagte ich durchs geöffnete Seitenfenster und beeilte mich auszusteigen: Die Klimaanlage der alten Limousine hatte keine Chance gegen die harte Mittagssonne. - Frischer war die Luft außerhalb des Wagens aber auch nicht. Es roch nach faulen Eiern. Die Insekten störte das nicht, sie zirpten und schnarrten den Hochsommer an. Als wir an den Kofferraum traten, knirschte unter unseren Füßen der staubige Kies der Zufahrt.
Moto – so nannte der Mann sich - wischte affektiert die Nase mit dem Handrücken. Seine Hand besaß mehr Schwielen als die Finger von Kai - der doch täglich mit Hammer und Meißel hantierte. Moto war klein und gedrungen und trug einen blauen, blutverschmierten Overall. Er beugte sich in den Kofferraum und schlug die Lappen auseinander.
“Ja, das ist er”, sagte er. Als er sich umdrehte, hielt er den mit Stoff umhüllten Ziegenkopf wie ein Baby im Arm. “Warum bringt Kai den Kopf nicht selbst vorbei?”, fragte Moto und reckt seinen Hals zu mir. Der Hals wurde lang wie bei einer Giraffe. Lustig sah das aus bei dem kleinen Mann. Vielleicht war mein erster Eindruck doch richtig, überlegte ich, und Moto war tatsächlich schwul. - Er starrte mich immer noch an mit seinem Giraffenhals. Ach ja, Moto hatte mir eine Frage gestellt.
“Er kann im Moment nicht”, sagte ich.
“Sie sind seine Frau?”, erkundigte er sich in vertraulichem Ton, obwohl auf dem Vorplatz außer uns zweien kein Mensch zu sehen war.
“Woher wissen Sie ...”
“Seit Jahren kommt er vorbei, wenn er tote Tiere für Installationen – so nennt er das – braucht. Ich suche ihm die Schönsten heraus. Wir ... wir haben uns angefreundet.”
Meine Augen wurden feucht, aber ich riss mich zusammen. “Er ist schwer krank.”
“Was?! Mitte der Woche war er noch hier!” Moto hielt mich am Arm fest. “Das kann nicht sein.” Seine Nasenlöcher bebten.
“Doch. Es ist schrecklich.”
“Das kann nicht sein.” Er fasste sich an die Schläfe, balancierte den Ziegenkopf auf einem Arm. “Wir sind ... gute Freunde.”
“Kai wurde ohnmächtig im Schlaf, und Organe fielen aus, jetzt ist er im künstlichen Koma. Vielleicht hat er Gift geschluckt, meint der Arzt.”"Gift?" Moto klang ganz erstickt. Er fragte: "Wo liegt er?" Ich sagte es ihm. Moto warf den Ziegenkopf in einen der Container und schlüpfte aus dem Overall: "Ich muss ihn besuchen!" - "Vielleicht wird er sterben", schluchzte ich. "Der Arzt meint, ich solle damit rechnen." Ich war froh, jemanden getroffen zu haben, der Kai kannte. Moto sagte entschlossen: "Niemals, das kann nicht sein!" Er drehte sich nach allen Seiten um und schaute auch nach oben. Dahin, wo im ersten Stock das einzige Fenster in die deprimierende Blechfassade des Zweckbaus geschnitten war. Unbeweglich stand dort eine Männergestalt und schaute herab zu uns.
“Wir verlassen besser die Abdeckerei”, meinte Moto.
Als wir auf die Bundesstraße 1 bogen, wurde die Luft besser.
“Sie müssen es doch erfahren.”
Ich fuhr schneller als erlaubt, ich wollte zu Kai ins Krankenhaus.
“Ich habe Kai immer gesagt, er solle es ihnen sagen.”
“Was sagen?”
“Wir zwei sind zusammen.”
Ich verstand nicht gleich.
“Kai und ich. Wir sind zusammen.”
Mir zog sich das Herz zusammen. Es war unverschämt, was er da sagte. “Das glaube ich nicht.” Es war unmöglich! Ich dachte an Kai, den ich liebte – und vielleicht zu wenig kannte? Machte Liebe blind?
“Mein Boss entdeckte uns und verlangte Geld von Kai. Sonst würde er Ihnen davon erzählen, dass Kai und ich zusammen waren.”
Mir schwindelte und ich fuhr auf den Seitenstreifen: “Sie wollen wirklich behaupten, Kai wäre schwul? “
“Nein, nein”, wiegelte Moto ab.
“Aha”, schnaufte ich, beide Hände am Lenkrad, Blick geradeaus durch die Scheibe.
“Er ist beides.” Moto legte seine Finger an die Schläfen. “Er liebt Sie – und mich.”
Ich ohrfeigte ihn. Er war so überrascht, dass er sich zunächst nicht bewegte. Dann stieg er hastig aus, streckte sich und hielt sich die Wange. Ich kam herum zu ihm. Als er weiter sprach, wich er meinem Blick aus. “Ich habe es verdient. Wir waren nicht vorsichtig genug. Und Kai wusste, dass Sie ihm nicht verzeihen würden. Deswegen hat er Geld an meinen Boss gezahlt.”
Ich schlug ihn erneut. Er versuchte nicht, seine Wange zu schützen. Stattdessen sah er mich an: “Hätten Sie ihm verziehen?”
“Niemals”, schrie ich und schlug so heftig zu, dass der kleine Mann gegen den staubigen Kotflügel stolperte.
“Lieben sie ihn?”, fragte der Arzt.
“Ich weiß es nicht”
“Sie lieben ihn.”
“Ja?”
“Sagen sie es ihm.”
“Aber er kann es nicht hören.” Ich schaute aus dem Bürofenster hinaus in das Flirren des Sommers. “Oder?”
“Er fühlt es.” Der Arzt beugte sich vor. “Verzeihen sie ihm.
“Was sollte ich verzeihen?”
“Gibt es nichts zu verzeihen?”
“Vielleicht.”
“Es könnte die letzte Möglichkeit sein.” Er schob mir einen Laborbericht herüber. “Er hat Opiumderivate in letaler Dosis im Blut.”
“Wird er sterben?” Ich war gefasst in dem Moment, aber die Panik lauerte.
“Ich weiß es nicht.” Der Arzt traute sich nicht, die Wahrheit auszusprechen. Die Panik sprang hervor, ich stürzte aus dem Büro: Ich musste zu Kai!
Regungslos lag mein Mann im Intensivbett, in Nase und Venen steckten Schläuche. Der Arzt hatte gesagt, Kai wäre aus dem Koma erwacht. Woran sollte ich das erkennen? Seine Augen waren geschlossen, der Brustkorb hob sich kaum wahrnehmbar. Ich beugte mich über ihn.
“Du wurdest erpresst. Du hast dich vergiftet. Du glaubtest, ich würde dir nicht verzeihen.” Ich weinte hemmungslos. “Und du hattest recht.” Ich ging ganz dicht an sein Ohr. Es musste ihn kitzeln, er liebte das ... “Aber, Kai, hörst du mich? –Ich verzeihe dir. Ich verzeihe dir alles”, flüsterte ich.
Er öffnete die Augen.
“Kai!”, meinte ich atemlos. “Du musst wieder zu mir zurück kommen. Versprich es mir.”
Da wurde sein Blick starr. Mir setzte das Herz aus. “Schwester, er stirbt!”, kreischte ich. Hinter mir stand der Arzt, ich hatte sein Kommen nicht bemerkt.
“Er ist tot”, kreischte ich, und der Arzt blickte auf das Diagramm des Monitors. Ich barg Kais rechte Hand in meiner zitternden Faust.
“Können Sie nichts machen, Herr Doktor? Machen Sie was! Geben sie mir Hoffnung!”, schluchzte ich.
“Die stirbt nie.”
Da drückte Kai meine Fingerspitzen. Ich warf mich auf ihn und küsste seine kalten Lippen.